Antonio Carlos Jobim’s: Águas de março (Album: Antonio Carlos Jobim’s Finest Hour)
Vor fünfzig Jahren schrieb der ehemalige Architekturstudent Antônio Carlos Brasileiro de Almeida Jobim, kurz Tom Jobim, ein paar Stücke für das erste Album des singenden Gitarristen João Gilberto – die Geburtsstunde der Bossa Nova. „Chega de Saudade“, das Titelstück dieses Debüts, und auch „Desafinado“, „Agua de Beber“, „Wave“, „Samba de uma nota so“ und zig mehr sind noch heute allgegenwärtig, gemeinsam mit dem ewig jungen, großen, braun gebrannten und liebenswerten „Girl From Ipanema“. Die meiner Meinung nach schönste Version seines „Spätwerks“ „Águas de Março“, dieses eloquenten Tributs an den regnerischen März in Rio, nahm Jobim 1974 im Duett mit der Sängerin Elis Regina auf.
Joao Gilberto: Estate (Album: Amoroso)
Für Italiener ist „amoroso“ verliebt, bei klassischen Musikern bedeutet die Spielanweisung „zärtlich, innig“. Beides passt zu diesem Album des Bossa Nova-Innovators Joao Gilberto. Aufgenommen mit einem unfasslichen Dreamteam, dem Produzenten Tommy LiPuma und dem Arrangeur Claus Ogerman, zählt dieses Album sicherlich zu den romantischsten und gleichzeitig unkitschigsten der Musikgeschichte. Und dann dieser Song, ein italienischer Pophit von Bruno Martino, gesungen im charmantesten Italienisch, das je ein Brasilianer hervorbrachte. Zum Verlieben.
Dori Caymmi: Lembra De Mim (Album: Contemporâneos)
Adel verpflichtet, auch musikalischer. Der Sänger und Komponist Dori Caymmi, Sohn des erst kürzlich mit 94 verstorbenen Bossa Nova-, Tropicalismo- und MPB-Urgesteins Dori Caymmi, widmet sich auf diesem Album einigen Lieblingsliedern seiner Zeitgenossen. Der Mann, dessen „Like A Lover“ ein enormer Erfolg für Mark Murphy oder Sarah Vaughan war, singt auf diesem Album u.a. Stücke von Caetano Veloso oder Chico Buarque. Das wunderschöne „Lembra De Mim“ von Ivan Lins überlässt er allerdings Nana Caymmi, seiner Schwester.
Joe Henderson: Triste (Album: Double Rainbow)
„Ich würde liebend gerne gleich noch ein Album mit Jobims Musik aufnehmen. Oder auch zwanzig“, meinte Joe Henderson 1995 in einem Interview mit dem Magazin Jazz thing. Die Freude an den großen Melodien des brasilianischen Meisters merkt man auf diesem Album nicht nur dem Leader, diesem unglaublich eleganten Tenorsaxophonisten, an. Auch seine „Sidemen“ auf „Triste“ – Herbie Hancock, Christian McBride und Jack DeJohnette – haben offensichtlich Spaß dabei. So spannend wurde dieses Stück selten interpretiert.
Sergio Mendes: Lugar Comum (Album: Encanto feat. Jovanotti)
Als ich Sergio Mendes anfangs des Jahres in Berlin zum ersten Mal traf, hatte ich schon für ihn gespielt – per „Fernproduktion“ hatte ich ein Flügelhornsolo für seine neue Version von „O Morro Nao Tem Vez“ mit Natalie Cole beigesteuert. Für mein Album „Rio“ hat er den Gefallen jetzt erwidert: Er singt die Rio de Janeiro-Hymne „Ela é Carioca“ (übersetzt: Sie ist eine Carioca, also eine Frau aus Rio). Für mich (und für die jungen brasilianischen Triebe meiner deutsch-italienischen Wurzeln) klingt diese Zusammenarbeit des „Brasil 66“-Maestro mit dem italienischen Rapper Jovanotti besonders frisch. Zu finden ist sie, übrigens neben dem oben erwähnten „O Morro Nao Tem Vez“, auf „Encanto“, dem aktuellen Album von Sergio Mendes.
Gal Costa: A Râ (Album: Divino Maravilhoso)
Ich hatte tatsächlich kurz einen Frosch im Hals, als wir anfingen „A Râ“ in Rio aufzunehmen. Ich wusste zu dem Zeitpunkt schon, dass ich den Komponisten diese Klassikers - João Donato - in den folgenden Tagen persönlich kennenlernen würde. Die fantastische Sängerin Luciana Souza und ihr Mann Larry Klein, nebenbei und vor allem auch mein Produzent, haben sich angeboten, diese wortlose Vocalese-Melodie (deren Titel sich tatsächlich mit „Der Frosch“ übersetzt), gemeinsam mit mir im Chor zu singen. In meiner Playlist rangiert diese Version der Tropicalismo-Sängerin Gal Costa ganz weit oben.
Oscar Peterson: Wave (Album: Motions and Emotions)
Der einsame Shaker gibt den Takt vor, ein Cello-Ton schwillt langsam an, dann setzen Gitarre und Streichorchester ein – und erst nach ein paar sanften Kapriolen findet Oscar Peterson in diesem wunderbaren Arrangement von Claus Ogerman zur Melodie. Kein Wunder, dass der große Pianist für sein MPS-Album „Motions & Emotions“ auf die Streichereinheiten von Claus Ogerman zurückgegriffen hat. Kaum einer versteht es so wie er, Melodien zu umgarnen, sie auszuschmücken ohne sie zu überladen. Sogar Sergio Mendes meinte zu mir: „Man darf nie vergessen, welche große Rolle Claus Ogerman und seien Arrangements für die Musik von Jobim gespielt haben.“ Ach ja, und wie Oscar und seine Männer in der letzten Minute zur Sache gehen, ist auch äußerst inspirierend.
The Boy from Ipanema: Antonio Carlos Jobim and Friends (feat. Shirley Horn)
Eines der wenigen Tributkonzerte, bei dem der Gefeierte selbst mit von der Partie ist. „Tom“ Jobim und seine besten Jazzfreunde bei Verve versammelten sich 1993 im Rahmen des „Free Jazz Festival Sao Paulo“ zu diesem wunderbaren Konzertabend. Was für ein Fest: Musikalischer Leiter war Herbie Hancock, außer ihm spielten auch der kubanische Jazzpianist Gonzalo Rubalcaba, Ron Carter am Bass, Joe Henderson am Tenorsaxophon, Harvey Mason am Schlagzeug und Alex Acuna, Percussion, mit. Und dazu die Sänger: Jon Hendricks, Gal Costa, Jobim selbst und die sagenhafte Shirley Horn. Letztere haucht nur einen Ton und man versteht sofort, warum Miles Davis schon sehr früh einen Narren an dieser Stimme, diesem Gesang und diesem Timing gefressen hatte.
Diana Krall: Besame Mucho (Album: The Look of Love)
Singende Instrumentalisten liegen mir verständlicherweise besonders am Herzen. Lange bevor Lady Diana durch ihre Heirat mit Elvis Costello auch noch in den Pop-Olymp aufstieg, erreichte sie mit dem Album „The Look Of Love“ zum zweiten Mal in ihrer Karriere die Platinmarke: Schon vor der offiziellen Veröffentlichung waren in den USA über eine Million Exemplare der CD verkauft. Kein Wunder, bei den zehn herrlich arrangierten und produzierten Klassikern des Albums (u.a. eingespielt mit einem Orchester unter Leitung von Claus Ogerman).
Wayne Shorter: Tarde (Album: Native Dancer)
Die Liebe zwischen der brasilianischen Musik und dem Jazz beruht auf Gegenseitigkeit. Und oft waren es Saxophonisten, die den intimsten Kontakt mit Bossa Nova, Tropicalismo und allen anderen Arten der MPB (Musica Popular Brasileira) suchten. Hier ist es Wayne Shorter, unter anderem auch legendär durch seine Mitgründung von „Weather Report“, der ein ganzes Album lang gemeinsame Sache mit dem nicht minder legendären Milton Nascimento macht. Ich war erst 3 Jahre alt, als dieses Album erschien. Mit etwa dreiundzwanzig habe ich davon geträumt, auch mal so etwas machen zu können – ein Jazzalbum bei dem Stimme nicht Beiwerk, sondern instrumentaler Bestandteil ist.